Tagesstätten für Menschen mit psychischer Erkrankung zeigen in Baden-Württemberg, wie ein niedrigschwelliges Miteinander Einsamkeit entgegenwirken und Teilhabe ermöglichen kann.
Das Motto der Aktionswoche für seelische Gesundheit lautet nicht umsonst "Miteinander statt nebeneinander - nebeneinander – für eine Gesellschaft in der jede Psyche zählt". Ob Menschen dazugehören, Kontakte knüpfen und Unterstützung finden, hängt auch davon ab, wie wir unser Zusammenleben gestalten.
Für Menschen mit einer psychischen Erkrankung machen können verlässliche Begegnungen und eine gute Wochen- und Tagesstruktur häufig den entscheidenden Unterschied. Dafür braucht es Angebote, die ohne große Hürden erreichbar sind und Menschen nicht erst dann auffangen, wenn eine Krise eskaliert.
Tagesstätten schaffen Gemeinschaft
Wie wichtig solche Orte sind, zeigt das Forschungsprojekt APerTa-BW des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS). Zum Stichtag Ende 2023 gab es im Land 105 Tagesstätten für Erwachsene mit psychischer Erkrankung – mindestens eine in jedem der 44 Stadt- und Landkreise. Die Angebote sind freiwillig, kostenlos und niedrigschwellig: Es braucht weder eine ärztliche Überweisung, noch eine Anmeldung, noch muss ein Antrag auf Eingliederungshilfe gestellt werden.
Im Jahr 2025 zählten die Tagesstätten innerhalb von vier Wochen 5.698 Besucherinnen und 35.144 Besuche. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, für die die Tagesstätte ein wichtiger Teil des Alltags ist. In Interviews berichteten Besucher*innen, dass der Besuch ihnen einen Grund gebe, morgens aufzustehen, und ihnen durch Krisen helfe. Sie erleben Zugehörigkeit und gegenseitige Unterstützung, können Aufgaben übernehmen und die Angebote in der Tagesstätte mitgestalten. Gemeinsames Kochen, kreative Tätigkeiten, Beschäftigungsmöglichkeiten oder Ausflüge in den Sozialraum ermöglichen Kontakt, Begegnung und gemeinsame Aktivität. Das trägt auch dazu bei, den öffentlichen Raum wieder stärker für sich zu erschließen.
Im Paritätischen BW gibt es 15 Mitgliedsorganisationen mit 27 Tagesstätten für Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Die Forschenden sehen begründete Hinweise darauf, dass Tagesstätten stabilisieren, Einsamkeit vorbeugen oder abmildern können. Klar wird: Begegnung, Mitbestimmung und eine tragende Gemeinschaft sind für viele Besucher*innen ein wichtiger Teil ihrer Unterstützung.
Gute Angebote brauchen verlässliche Rahmenbedingungen
Tagesstätten brauchen ausreichend Personal und eine verlässliche Finanzierung. Im Durchschnitt gibt es pro Tagesstätte etwas mehr als eine Vollzeitstelle. Viele Leitungen berichten, dass Geld und Personal fehlen. Die meisten Tagesstätten haben werktags geöffnet. Abends und am Wochenende sind Angebote selten. Der KVJS empfiehlt, dass Tagesstätten mindestens 24 Stunden pro Woche geöffnet sind. So können Besucher*innen auf regelmäßige Anlaufzeiten zählen und ihre Woche besser strukturieren.
Begegnung als Teil der Versorgung sichern
Der Paritätische Baden-Württemberg setzt sich dafür ein, dass gemeindepsychiatrische Angebote verlässlich finanziert und personell angemessen ausgestattet werden. Tagesstätten sind wichtige Orte der Begegnung und Teil einer bedarfsgerechten gemeindepsychiatrischen Versorgung.
Um die Finanzierung der Tagesstätten für psychisch erkrankte Menschen sicherzustellen, fordert der Paritätische Baden-Württemberg deshalb, diese im Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz des Landes zu verorten.
Die Aktionswoche erinnert daran, dass eine Gesellschaft, in der jeder Mensch, jede Psyche zählt, im Alltag entsteht. Sie braucht offene Türen, Begegnungsorte, verlässliche Beziehungen und politische Entscheidungen, die soziale Infrastruktur nicht als verzichtbaren Kostenposten behandeln. Miteinander statt nebeneinander heißt: Begegnung ermöglichen – und die Angebote, die sie schaffen, dauerhaft stärken.