Das Problem ist nicht das Wissen, sondern die Umsetzung
Moderator Jürgen Ripplinger: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“ Die Fachwelt weiß, was junge Menschen im Übergang brauchen. Was fehlt, sind stabile Rahmenbedingungen.
Viele gute Angebote hängen an befristeten Projekten und wechselnden Ko-Finanzierungen. Endet die Förderung, reißen Beziehungen genau dann ab, wenn sie am wichtigsten sind. Hinzu kommt: Ob ein junger Mensch Unterstützung erhält, hängt heute zu oft vom Wohnort oder von der kommunalen Kassenlage ab.
Weg von der Maßnahmenlogik, hin zu Vertrauen
Heute wird Unterstützung in immer kleinere Maßnahmen zerlegt, mit eigenen Zielgruppen, Laufzeiten und Zuständigkeiten. Junge Menschen müssen in diese Raster passen, statt dass sich die Hilfe nach ihnen richtet. Wirksamer wäre es, den Fachkräften und sozialen Organisationen vor Ort mehr zu vertrauen: Sie wissen, was ein junger Mensch braucht. Dafür braucht es eine Finanzierung, die sich am Bedarf vor Ort orientiert und nicht daran, welcher Rechtskreis gerade zuständig ist.
Was muss getan werden, damit junge Menschen nicht verloren gehen?
Ulf Hartmann leitete aus dem Fachtag drei gemeinsame Aufgaben ab:
- Verlässliche Finanzierung statt befristeter Projekte. Vertrauen lässt sich nicht in Ein-Jahres-Zyklen planen.
- Gemeinsame Zuständigkeit statt Zuständigkeitsgrenzen. Schule, Jugendhilfe, Arbeitsförderung, Betriebe und Kommunen müssen Unterstützung aus einer Hand ermöglichen.
- Eine verbindliche rechtliche Grundlage. Damit aus Unterstützung ein verlässlicher Anspruch wird, überall im Land.
Für Ulf Hartmann ist das vor allem eine Frage der Haltung: „Aus einem ‚Kann‘ muss ein ‚Wird‘ werden.“ Junge Menschen zu unterstützen ist keine freiwillige Zusatzleistung, sondern eine Verpflichtung unserer Gesellschaft.
Dazu gehört auch, den Nutzen fair zu verteilen. Kommunen, Land, Bund, Arbeitsverwaltung, Sozialversicherungen und Wirtschaft profitieren von arbeitsweltbezogener Jugendsozialarbeit. Ein Beispiel dafür, wie Verantwortung gemeinsam getragen werden kann, ist die Jugendberufsagentur GO!ES im Landkreis Esslingen.
Warum das alle angeht
Junge Menschen, die erleben, dass Institutionen sie sehen und unterstützen, gewinnen Vertrauen zurück, in die Gesellschaft und in die Demokratie. Wer dagegen im System verloren geht, verliert auch den Glauben, dass sich Anstrengung lohnt.
Der Fachtag hat gezeigt: Es gibt keine „verlorene Generation“, aber es gibt Hilfesysteme, die in ihrer Feingliedrigkeit die jungen Menschen zu oft allein lassen. Der Paritätische Baden-Württemberg setzt sich gemeinsam mit seinen Mitgliedern, der LAG Jugendsozialarbeit und allen Partnerinnen und Partnern dafür ein, dass aus guten Ansätzen verlässliche Strukturen werden.