Soziale Innovation‘ ist in aller Munde. Der Begriff ist dabei nicht immer klar umrissen, meistens jedoch positiv besetzt und bezeichnet erst einmal unscharf Neuerungen, die sich in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben ergeben, ob bewusst angestrebt oder erst im Rückblick erkennbar. Der positive Beiklang, den der Begriff hat, ist erfreulich, zeigt er doch, dass ein gesellschaftliches Bewusstsein für die enormen Veränderungen im aktuellen Zusammenleben besteht, die wir erleben -, und dass diese auch als zu nutzende Chancen erachtet werden. Ich möchte aus Sicht der ISoG BW drei Aspekte darstellen, die zu einem griffigeren Verständnis und einer nuancierteren Gestaltung sozialer Innovationen beitragen können.
Bei der Gestaltung sozialer Innovationen gilt es, zwischen der Invention und der Innovation zu unterscheiden und
da wieder zwischen technischen und sozialen Aspekten. Die Invention ist die tatsächliche Neuerung, die Erfindung, die am Anfang steht, wie beispielsweise die technische Option des Internets oder künstlicher Intelligenz. Darauf können weitere Inventionen aufbauen, wie die sozialen Medien, Onlinezugänge für Bürger und Bürgerinnen zu behördlichen Leistungen etc. Die Innovation ist streng genommen erst dann erreicht, wenn sich die Anwendung einer Invention gesellschaftlich durchsetzt, etwa die etablierte Arbeit im Homeoffice für größere Teile der Bevölkerung, was ggf. zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder größerer Teilhabe für Menschen mit Behinderung führt. Natürlich gibt es auch soziale Innovationen, die nicht durch technische Inventionen ausgelöst wurden. Häufig wollen wir über soziale Innovationen sprechen, konzentrieren uns aber auf technische Inventionen und fokussieren so nur einen Teilbereich des gesamten Spektrums sozialer Innovationen.
Damit neue Wege Wirkung zeigen, braucht es Skalierung
Zum anderen liegt der Fokus bei der Bearbeitung von Innovationen oft auf deren Initiierung. Es sollen Lösungen gefunden werden für aktuelle gesellschaftliche Frage- und Problemstellungen, indem bestehende Herausforderungen experimentell mit neuen Ansätzen bearbeitet werden. Das wird häufig in Form von Modellprojekten angegangen. Für den Einzelfall sind die Spielräume, die Modellprojekte erkunden, wichtig und ein wegweisender Schritt. Allerdings besteht aktuell ein Mangel in der Skalierung: Wie werden die bestehenden Modellprojekte zusammengeführt, nach welchen Erfolgskriterien bewertet und ausgewählt, in die Breite weitergetragen, wie wird aus ihnen gelernt und wie kommen sie in der Fläche an? Soziale Innovation entsteht nur dann, wenn sie in der Breite in der Gesellschaft umgesetzt wird, ansonsten bieten Modellprojekte nur eine für den Großteil der Fälle theoretische Lösungsübung unter vielen.
Die Musik sozialer Innovationen spielt im gemeinsamen Wirken von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft
Zum Dritten besteht für soziale Innovationen – weil es sich um gesellschaftliche Fragen handelt – immer ein Bedarf nach intersektoraler Reflexion und Gestaltung, wenn auch vielleicht in unterschiedlichem Ausmaß. Intersektoral bedeutet hier das Ineinandergreifen staatlicher, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Logiken mit dem Ziel, die geeignetste Lösung zu finden. In einem intersektoralen Zusammenspiel von Hochschulen, Sozialunternehmen, der Privatwirtschaft, Stiftungen und NGOs können Innovationsideen – genauer Inventionsideen – auf ihre gesellschaftliche Anschlussfähigkeit hin abgeklopft und sowohl einer gemeinwohl- als auch einer ggf. gewinnorientierten Nutzung zugeführt werden. Das passiert, wenn intersektorale Netzwerke genutzt werden, wenn Vertrauen zwischen den Sektoren als zentrales Bindeglied gestärkt werden kann, wenn eine gemeinsame strategische Handlungsfähigkeit besteht, wenn Asymmetrien in Wissen, Macht und Ressourcen berücksichtigt und bearbeitet werden und wenn Prozesse sich durch Transparenz und Regelgeleitetheit, allparteiliche Moderation und Führung aus der Gruppe heraus auszeichnen.