150 Jahre Kriminalisierung sind genug! Schwangerschaftsabbruch: Recht statt Verurteilung Pro familia Pforzheim und der PARITÄTISCHE fordern den Schwangerschaftsabbruch nicht länger im Strafrecht zu regeln

Fachinformation - geschrieben am Montag, 8. März 2021 - 11:31

Pforzheim 08.03.2021   Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das eigene Leben gehört zu den grundlegenden Menschenrechten. Dieses Recht wird für Frauen* in Deutschland, die ungewollt schwanger werden, bis heute durch das Strafrecht beschnitten. pro familia und der PARITÄTISCHE kritisiert die bevormundende Haltung gegenüber Frauen* scharf und fordern den Schwangerschaftsabbruch nicht länger im Strafrecht zu regeln. Stattdessen brauche es endlich eine Rechtsgrundlage, die sexuelle und reproduktive Rechte für Frauen* gewährleiste, angefangen von der sexuellen Bildung bis zur Verhütungsberatung, dem Zugang zu passenden Verhütungsmitteln unabhängig vom eigenen Geldbeutel und Hilfen bei Kinderwunsch ebenso wie medizinisch sichere Versorgung beim Schwangerschaftsabbruch. Vor 150 Jahren wurde der § 218 im Strafrecht verankert – ebenso lange währt der Widerstand dagegen. Bis heute ist der Abbruch einer Schwangerschaft rechtswidrig, auch wenn er unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt.

Seit Jahren beobachten wir Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen, dass immer weniger Ärzt*innen Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. „Aus vielen Gründen kann der Abbruch einer Schwangerschaft notwendig sein,“ erklärt Regine Arlt, Ärztin und Beraterin bei pro familia in Pforzheim. In der Region Pforzheim und Enzkreis gibt es derzeit kein Angebot für Frauen* zum Abbruch in der Frühschwangerschaft und damit eine große Versorgungslücke,“ schildert Arlt die derzeitige Situation.

„Der einzige Anbieter in Pforzheim, auf den wir verweisen konnten, hat zum Ende des Jahres 2020 aufgehört“, berichtet Arlt weiter. Seither seien Frauen* gezwungen, mit meist knappen Ressourcen und Betreuungsbedarf für Geschwisterkinder, zum chirurgischen Schwangerschaftsabbruch auf eigene Kosten nach Ludwigsburg, Karlsruhe, Bruchsal, Stuttgart, Böblingen oder Tübingen zu fahren. „Der einzige Anbieter in unserem Versorgungsgebiet befindet sich im Landkreis Calw, jedoch nur für den medikamentösen Abbruch bis maximal zur 9. Woche“, ergänzt die Ärztin und Beraterin von pro familia. Darüber hinaus gestalte sich die rechtzeitige Organisation der Kostenübernahme oft schwierig, vor allem unter dem derzeitigen Corona-Lockdown.

„Versorgungslücken müssen rechtzeitig erkannt und mit entsprechenden Maßnahmen gegen gesteuert werden“, so Ute Hötzer, Mitglied im Paritätischen Kreisverband Pforzheim/Enzkreis. Daher begrüßt der Paritätische, dass das Land plant in Kürze eine fundierte Übersicht an Versorgungsangebote zu veröffentlichen.

In Deutschland ist bereits die ärztliche Aufklärung über einen Schwangerschaftsabbruch unter Strafe gestellt: Ärzt*innen dürfen auf ihrer Homepage keine Informationen darüber veröffentlichen, nach welcher Methode Abbrüche in ihrer Praxis durchgeführt werden. Informationen, die bei jedem anderen medizinischen Eingriff zur ärztlichen Aufklärung gehören, werden im Fall des Abbruchs einer Schwangerschaft mit Werbung gleichgestellt und strafrechtlich geahndet.

Die Kriminalisierung von Ärztinnen und Ärzten hat Folgen: immer weniger Ärztinnen und Ärzte führen Schwangerschaftsabbrüche durch. Die Landesverbände von pro familia und dem Paritätischen wehren sich gegen die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und fordern die Rechte der Frauen* besonders auch mit Blick auf Gewissensentscheidungen zu respektieren.

* Frauen* steht hier für alle Menschen, die schwanger werden können – unabhängig davon, ob sie sich als Frau identifizieren.


Weiterführende Informationen: #WeltFrauentag_ mediale Kampagne:

Vertreter*innen paritätischer Mitgliedsorganisationen im Regionalverbund Nordschwarzwald erheben in den sozialen Medien die Stimme für den Schutz der Frauen vor Gewalt, für die Geschlechtergerechtigkeit, das Recht auf Selbstbestimmung sowie die Anerkennung der Frauen* für ihre unbezahlte Sorgearbeit in Bezug auf Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Hausarbeit oder Ehrenamt. Unterstützt wird die Aktion von Katja Kreeb, Sozialdezernentin im Enzkreis und den Gleichstellungsbeauftragten der zum Regionalverbund angehörigen Stadt- und Landkreise Pforzheim, Enzkreis, Calw und Freudenstadt.

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KONTAKT
pro familia Pforzheim: Regine Arlt, Ärztin und Beraterin, Telefon: 07231-6075860, E-Mail: regine.arlt@profamilia.de

Mediale Kampagne zum #Weltfrauentag 2021: Starke Frauen im Regionalverbund Nordschwarzwald melden sich zu Wort

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